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2.03.2022
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Straschek 1963-74 Westberlin

Teil 1

Elf ereignisreiche Jahre in Westberlin hinterließen deutliche Spuren im Leben von Günter Peter Straschek. Er verarbeitet sie in dem Text “Straschek 1963 -74 Westberlin”. Der Titel in der dritten Person verweist auf den selbstreflexiven Charakter des Essays. In seinen Berliner Jahren betätigte sich Straschek als Filmemacher, -historiker, und -theoretiker, als Publizist und politisch Aktiver in der 68er Revolte. Außerdem war er Teil des ersten Jahrgangs von Studierenden an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Zu seinen Kommiliton*innen gehörten Personen wie Helke Sander, Harun Farocki, Hartmut Bitomsky, Johannes Beringer oder Holger Meins. Erstmals liegt nun mit dieser Übersetzung sein Text auch auf Niederländisch vor. Sein Essay ermöglicht einen ganz besonderen Zugang zu den filmästhetisch-theoretischen Debatten und praktisch-politischen Auseinandersetzungen einer Generation von Filmemacher*innen, die das Filmschaffen in Deutschland grundlegend erneuern sollten, und die in ihren politischen und formalen Experimenten ihre Vorkämpfer*innen aus den Tagen des Oberhausener Manifests mehr als bieder aussehen ließen. Die während dieser Periode von dem am 23. Juli 1942 in Graz geborenen Straschek gemachten Erfahrungen und verfolgten Interessen fließen in seinem Text für die Filmkritik in verdichteter Form zu einer virtuosen Komposition zusammen. Straschek schuf eine Konstellation aus unterschiedlichsten Textsorten, wie etwa polittheoretischen und filmästhetischen Überlegungen, Anekdoten, tagebuchähnlichen Einträgen, Briefen oder auch eine Fütterungsanweisung für die Katze von Danièle Huillet. Es handelt sich um eine Textmontage, die wohl heute beinahe jede Redaktion einer Filmzeitschrift stark kürzen und formal verändern würde. Der Text verdankt seine Veröffentlichung in dieser Form dem Geist der damaligen Zeit, besonders aber den redaktionellen Leitlinien der Filmkritik, in der er veröffentlicht wurde, und die damals sicherlich die profilierteste Zeitschrift für Film im deutschsprachigen Raum darstellte.

– Julian Volz1

(1) from Filmkritik vol. 8, no. 212 (August 1974)

Aus schlechten Intellektuellen sind noch nie gute Proletarier geworden.

1.

Bei dem wenigen, was einem ernst ist und das gefällt, Sozialismus, Arbeit, Frauen, bin ich nur entsprechend empfindlich.

2.

Anlässe für ein Résumé: nach Interviews in Hollywood diesen Herbst einer México-reise und dem mehrmonatigen Schnitt der Serie über deutschsprachige Filmemigration in Köln werde ich nicht mehr nach Westberlin zurückkehren, stattdessen in London Domizil nehmen. Ich habe meine Entscheidung für Berlin (West) nie bedauert und im Laufe der Jahre diese einmalige Stadt mögen gelernt. 11 Jahre nun sind genug, zuletzt ist es doch langweilig geworden (Westberlin scheint mir national besehen die “freieste” und tiefgestaffeltste deutschsprachige Stadt zu sein, im internationalen Vergleich allerdings ziemlich dürftig). Ich habe “notwendige” Lust nach einem Wechsel (auch im Sprach- und Kulturraum vorübergehend), an einem Wiederetwasentdeckenkönnen und London ist mir eine herrliche Stadt, British Museum, British Film Institute und Imperial War Museum sind allerbeste Arbeitsstätten. An meiner publizistischen Tätigkeit soll sich nichts ändern - ich werde weiter für bundesrepublikanische Institutionen arbeiten, mit DM-Honoraren zu London anstatt in Westberlin leben. So ergänzen sich Familienlosigkeit und Mobilität zu Wesensmerkmalen für einen mittellos Privilegierten.

3.

Wenn ein Sozialist Briefmarken sammelt, ersteht daraus noch keine marxistische Philatelie. In Anbetracht eines grassierenden Voluntarismus sowie erstaunlicher Unkenntnisse im ökonomischen Bereich erlaube ich mir, es so ordinär hinzusagen; denn letztjährig sind Illusionen dahingehend gepflogen worden, kapitalistische Produktionsformen durch das “richtige Bewusstsein” von Beteiligten (adjektivisch) liquidieren zu können.

4.

Oeversee Realgymnasium Graz oder die Schule als positives Angsterlebnis. Ich spreche nicht von meiner Unterrichtung (Geschichte hörte mit Habsburg auf: Sexualität wurde an Bienen erklärt) durch Lehrer, die entweder nach Bayreuth wallfahrende Nazi waren, katholische Reaktionäre oder Monarchisten: ich meine die erkannte Hilflosigkeit gegenüber Dummheit und Unterdrückung, das Lob für anpasslerische Mittelmässigkeit, meinen daraus resultierenden Kommunikationsverlust. Bald war ich als Demagoge verschrien: ein von mir begründeter Schülerbund war schon rigide & atheistisch organisiert, Fantasie noch schülerhaft (Lehrer mit Honig bestreichen und in Ameisengrube werfen, Lehrer nasses Leder um den Sack spannen und zum trocknen in die Sonne legen usf.). Prof. Dr. August H. war ein kleines, nichtsdestoweniger mieses Nazischwein mit militär. Ausbilderbenehmen, möglicherweise noch heute Turnen und Philosophie unterrichtend. Er ohrfeigte Schüler durch den Gang bis an die Rückwand, er war berüchtigt für seine Brutalität. Einmal sprach er über mich zu einem anderen Lehrer (im titelsüchtigen Österreich werden die gemeinen Gymnasiallehrer schon Professor geheissen) “ich kenne diese Nummer”. Ich sprang auf, denn: “Ich bin keine Nummer”. Dieser Prof. nahm mich in sein Zimmer, schlug mich, brüllte auf mich ein. Ich dachte fieberhaft nach, es gab nur zwei Möglichkeiten: ihm in die Eier treten oder beim Stadtschulrat Anzeige erstatten. Aber ich zitterte und von einer Beschwerde baten mich meine Eltern händeringend ob des Skandals abzusehen. Sie erklärten es mir detailliert mit Lebenserfahrung – dem Lehrer würde nichts passieren, ich müsste versetzt werden, stigmatisiert. Diese Hilflosigkeitgegenüber Zwang und Miniterror (in einer steirischen Schule der 50er Jahre) wurde mir ein unauslöschbarer Eindruck. Ich erinnere mich ganz genau, dass ich während dieser und vieler anderer Vorkommnisse vor dem Einschlafen Angst bekam, Kommunist zu werden. Das hatte mit politischem Bewusstsein noch nichts zu tun. Nur waren die “Kummerln” im öffentlichen Bewusstsein einer so faschistoid-antisemitischen “Stadt der Volkserhebung” (Titel ab ’38) wie Graz eine so extrem aussenseiterische und denunzierte Gruppierung, dass ich mich dahin tendieren fühlte, mich denen als Schutz und Widerstandsmöglichkeit nähern musste, wiewohl ich aufgrund meines Elternhauses (kleinbürgerliche Sozialdemokratie mit mittelständischen Aufstiegsattitüden) Angstvorstellungen bekam. Ich suchte verzweifelt nach Solidarität und wo anders hätte ich sie erfahren können als bei den Kommunisten. Stattdessen fand ich während meiner letzten österreichischen Jahre. “Trost” in der Kunst, in meiner Rolle als “Bürgerschreck”. Einer Konfliktlösung stand ich somit ferner denn je. Zudem war ich von dem Gymnasium und allen öffentlichen Schulen Österreichs verwiesen worden, weil meine Notenleistung katastrophal schlecht war.

(2) Günter Peter Straschek on the cover of Filmkritik vol. 8, no. 212 (August 1974)

5.

Bei Sprüchen wie “Das Lied als Waffe” oder “Die Kamera als Gewehr” kommt mir schon das Kotzen. Immer dieses hochstaplerische Realitätverlassen (weil einige es nicht überwinden können, in der vergleichsweise unwichtigen Kulturbranche tätig zu sein). Als waren der gitarrezupfende Protestler und ein Granatwerfer ein und dasselbe. Und den Kritiker, zufrieden ob so vieler Chilefilme in Oberhausen, was lässt ihn angesichts einer brutalen Konterrevolution auch in Folge von Nichtbewaffnung der Massen durch eine schwache Volksfrontregierung die “Kamera als Gewehr” formulieren? Ist es gutwillige Teppertheit oder Zynismus oder gemeiner Linksopportunismus? Fest steht nur, dass solche Personen weder eine Knarre noch eine Mühle je in ihrer Hand gehabt haben können.

6.

Immer schon Moviefan gewesen. Auch wenn bis Anfang der 60er Jahre meine Passion dem Literarischen galt. Graz hatte vergleichsweise viele Lichtspieltheater; die Mischpocha missbilligte häufigen Kinobesuch besonders bei schönem Wetter, wo ich wandern oder ins Schwimmbad hätte sollen. Ausgerechnet die KPÖeingeschrieben Grosstante unterwies meine Mutter, ich dürfe nicht in Quo vadis gehen, wo Christen von Löwen aufgefressen würden werden (was dann ja leider gar nicht zu sehen war...). Im Realgymnasium schwänzte ich oft tagelang, das Non-Stop-Kino in der Herrengasse war ein gesicherter Ort. Im Operncafe stritt ich heftig mit Jochen R. († 4. 9. 1970 in Monza), ob Burt Lancaster von Gary Cooper oder hinterrücks von der Französin erledigt worden war (Vera Cruz). In Das Schiff der verlorenen Frauen gab’s den ersten blanken Kinobusen. Movie wurde zur Wichsvorlage: danach kam der “gute Film”, die Filmkunst. Cinéast scheine ich auf Tramp geworden zu sein, insofern ich in Griechenland, Türkei, Israel, auf Zypern Filme in Originalfassungen sah, ohne dass es mich auch nur im geringsten gestört hätte, nichts an Sprache zu verstehen. In Westberlin verstärkte sich mein Kinobesuch auf 1mal täglich, steigerte sich in den Jahren an der DFFB auf 3-4 Filme pro Tag, wobei ich mir einzelne Werke zwischen 10 bis 20mal angesehen habe. Danach meinte ich genügend begriffen zu haben, fühlte mich gesättigt. Festivals meide ich seit Jahren, angeekelt.

7.

Moskau behauptet, der Kampf zwischen Sozialismus und Kapitalismus verlagere sich immer mehr auf das ideologische Feld, werde dort mit unverminderter Schärfe geführt. Das befürchte ich auch, wenn ich an Svjatoslav Richter oder Roland Matthes denke.

8.

Das Projekt Geschichte der deutschsprachigen Filmemigration nach ’33 kommt meinen Vorstellungen künftiger Arbeit sehr nahe. Ungefähr 4 Jahre werde ich mit dem Unternehmen beschäftigt sein. Als Ergebnis realisiere ich einen mehrteiligen TVfilm und veröffentliche ein (2bändiges) Buch, desgleichen kann ich Teilbereiche bzw. Zwischenabschlüsse für Rundfunk, Zeitschrift, Vortrag verwenden. Die Recherchen erlauben mir viel Kommunikation, sie erzwingen und ermöglichen Reisen: die Thematik ist eine weitgefächerte, meinen “synthetischen Fähigkeiten” entsprechend; zudem ist sie antimetaphysisch überschaubar mit einem absehbaren Zuendekommen. Ich bin ziemlich langsam und bevorzuge 2 oder 3 Projekte auf lange Zeit parallel zu erarbeiten; immerfort (z. B. für das TV) Themen wechseln zu müssen, meist wenn man sich etwas in die Materie eingearbeitet hat, ist mir zuwider. Umgekehrt mag ich keine Lebenswerke. Jedenfalls meine ich, filmgeschichtlich kaum weitere Ambitionen zu besitzen, wenngleich mich zwei Projekte (sollte ich Mitarbeiter finden) sehr reizen würden: eine Untersuchung über Elektroindustrie, Bankkapital und Filmproduktion sowie eine vergleichende Studie über Filmfirmen

9.

Österreich oder Faschismus + Dilettantismus = Widerstand: “Der Prokurist und SS-Angehörige der SS-Standarte 89 Willibald Schiebel, geb. 1911, Wien-Ottakring, ist bei einem Einbruch in die Wohnung des Juden Viktor Stransky, 1., Stubenbastei 12/3/17, als er sich von einem Fenster mittels eines Seiles über den Lichthof schwang, abgestürzt und tödlich verunglückt.” (SD-Bericht der SS vom 4. un 5. April 1939, Mikrofilm T84R15 43 173 in den National Archives in Washington, D.C., USA).

10.

In der 4. Gymnasialklasse wurden wir gehalten, ein “Büchertagebuch” zu führen, das heisst, unsere ausserschulische Lektüre zu beschreiben. Ich lobte nur Richard von Frankenbergs Autorennbücher. Bei Maeterlincks Einaktern bezeichnete ich Baudelaire und Verlaine als für mich “bestimmt unbekannte Franzosen”. Der Deutschlehrer, ein verschwitzter K. H. Waggerlfan, schrieb “Symbolisten” an den Rand. In der nächsten Klasse hatte ich nicht nur “Kenntnis” von Baudelaire und Verlaine genommen, ich korrigierte nach neuerlicher Lektüre einige frühere Ansichten und schrieb Zweitfassungen. Das führte ich die nächsten Jahre weiter, meine Ansichtsänderungen festhaltend. Seit damals habe ich nicht nur eine Vorliebe für essaiistisch-autobiografische Prosastücke, die einer permanenten Überprüfung und Korrektur unterworfen sein müssten, ich erkannte die Notwendigkeit verschiedener Fassungen/Ausgaben, überlegte mir bereits Möglichkeiten der Abänderung eines Werkes in seiner Distribution. Was immer in Graz und Wien zu hören war, BB habe verschiedene Gedichtlassungen geschrieben, “eine für den Westen, eine für den Osten. Jetzt frage ich sie: welche ist die richtige?”; das schien mir nach kurzer Überlegung völlig richtig zu sein.

Einen Nachteil, den ich sofort an Film und Kino erkennen musste, artikuliert diese Unmöglichkeit der Veränderungen eines Produkts nach seiner Fertigstellung (ökonomisch, filmmacherisch und auch juristisch gemeint). Zusammen mit Holger M. bastelte ich für das frankfurter Schülerfilmprojekt an einigen Versatzstückideen, wir kamen nicht weiter (Bei Computerfilmforschungen sollen erste Erfolge erzielt worden sein). Eng ist das Problem mit Fragen sozialistischer Filmarbeit verknüpft, deshalb.

11.

Bin ich schon geneigt zu klagen, es gäbe immer weniger Weiber, die als frauliche Persönlichkeit mich anzusprechen vermögen, so müsste ich umgekehrt, wäre ich eine Frau, verzweifeln. Seichtes Gerede von Veränderung und Emanzipation, sublimer Terror des auch mal abwaschen, eitles Dochmannsein, feige und unsensibel, mit der Zunahme jesuitischer Diskutierkunst die zwischenmenschliche Kommunikation brutalisierend, schlecht im Bett, kurz: was sich hierzulande an (bärtigen und nickelbebrillten) Mannsbildern herumtreibt, muss für eine Frau grauslich sein.

12.

BBs 2bändigem Arbeitsjournal, Frankfurt am Main (Suhrkamp Verlag) 1973, hat der Herausgeber Werner Hecht eine Broschüre Anmerkungen beigegeben. Werner Hecht ist ein anerkannter BBFachmann, die DDR generell für sorgfältige Editionsarbeit bekannt. Ich selbst bin nach wie vor sauer über die Nachlässigkeit vieler Veröffentlichungsarbeit hierzulande, durch die Filmliteratursitten jedoch abgestumpft. Bei jener Ignoranz gegenüber der Leserschaft mit der Herr Hecht eine so wichtige Veröffentlichung von BB in seinen Anmerkungen begleitet hat, reagierte ich doch empört. Schon bei flüchtigem Durchgehen bin ich auf nahezu jeder zweiten Seite auf Fehl- und Falschinformationen gestossen. Sollte das auch dem Suhrkamp Verlag entgangen sein? Ohne Quellenangabe (meiner Korrektur) nur einige Beispiele:

S. 8  “Koloman Wallisch... führte den Kampf der steirischen Arbeiter während des Februaraufstandes 1934 an und wurde im gleichen Jahr erschossen.” Wallisch wurde am 19. Feb. 1934 im Gefängnis zu Leoben von den Austrofaschisten gehängt.

S. 11 “Ende der zwanziger Jahre war Carola Neher mit ihrem Mann in die Sowjetunion übergesiedelt.” Wo sie dem stalinistischen Terror zum Opfer fiel!

S. 28 Bernard (nicht “Bernhard”) von Brentano, gest. 1964!

S. 36 Einar Otto Gelsted, gest. 1968!

S. 39 Mit “H. Lawson” (S. 266) bzw. “Lowson” (S. 586) scheint von BB der Kritiker und Scriptwriter John Howard Lawson (geb. 1894) gemeint zu sein.

S. 47 Marschall Timoschenko, gest. 1970!

S. 50 Herman (nicht “Hermann”) J. Mankiewicz, gest. 1953!

S. 50 Ben Hecht, gest. 1964!

S. 51 “Die Schauspielerin Salka Viertel emigrierte mit ihrem Ehemann, dem Regisseur Berthold Viertel, nach England und Amerika.” Als Schauspielerin nannte sich Salka Viertel (geb. 1889) ausschliesslich Salka Steuermann (Mädchenname); sie übersiedelte mit ihrem Mann 1929 nach Hollywood, von wo Berthold Viertel 1933 alleine nach England zog.

S. 54 “Helene Thimig... ging mit Max Reinhardt, ihrem Ehemann, 1937 in die USA.” Reinhardt emigrierte 1934 in die USA, heiratete ebendort 1935 Helene Thimig.

S. 56 “Der deutsche Schauspieler Robert Thören war bei der MGM als Drehbuchautor angestellt...” Thoeren signierte stets, auch als Schauspieler vor ’33 in Deutschland, mit oe; er war seit seinem Exil nach Frankreich 1933 als Drehbuchautor tätig. Die MGM engagierte demnach keinen “Schauspieler Thören... als Drehbuchautor”.

S. 60 “Curt Götz (1888-1960) trat in den meisten seiner Stücke und Filme zusammen mit seiner Frau, Valerie von Mertens, auf.” Curt Goetz (nicht “Götz”), bis Mitte der 20er Jahre Kurt Götz, war mit Valerie von Martens (nicht “Mertens”) verheiratet.

S. 61 “Alexander Granach (1880-1949)... ging 1933 in die USA.” Granach lebte von 1890 bis 1945 (nicht “1880-1949”) und emigrierte 1933 über Polen in die Sowjetunion, von wo er 1939 nach Hollywood übersiedelte.

S. 77 Clifford Odets, gest. 1963!

S. 84 “Der Film Hangmen Also Die (Fritz Lang, 1943) wurde von der Filmfirma United Artists produziert.” Offiziös wurde der Film von UA nur distribuiert, produziert von Arnold Pressburger's Arnold Productions.

S. 89 “Günther Stern (geb. 1902) publizierte unter dem Namen Guenther Anders.” Dazu Namenregister S. 203 “Anders, Günther s. Guenter Stern”.

S. 93 “Der Schauspieler Paul Henried (früher Paul von Hernreid, geb. 1907) ging 1935 nach England...” Paul Georg Julius Ritter von Hernried-Wasel-Waldingau wurde 1908 geboren, nannte sich in Deutschland-Österreich-England als Schauspieler Paul von Hernried, seitdem in den USA Paul Henreid.

S. 128 “Der Filmregisseur Preston Sturges (1898-1959) drehte drei Filme, die 1944 herauskamen: ... ‘The great movement’ ...” Sturges drehte insgesamt 12 Spielfilme, von denen drei 1944 herauskamen, darunter The Great Moment.

Dazu kommen sehr viele kleinere Unkorrektheiten. Und weil das Namenregister offensichtlich von einem schlechtbezahlten Assistenten zusammengestellt worden ist, bleibt es besonders fehlerhaft. Meine Empfindlichkeit in solchen Dingen will ich nicht leugnen, meine Genauigkeitsneurose. Dennoch bestehe ich darauf, dass “unsere” oder sonstwie wichtige Arbeiten zuverlässig und in ihrer Parteilichkeit wie Quellenlage für den Leser exakt überschaubar und nachprüfbar bleiben. Im übrigen hatte ein Raubdruck von BBs Arbeitsjournal erst dann die ihm eigene Qualität, wenn eine Korrektur dieser skandalös fehlerhaften Anmerkungen beigegeben worden wäre.

(3) Günter Peter Straschek in Einleitung zu Arnold Schoenbergs Begleitmusik zu einer Lichtspielscene (Jean-Marie Straub, 1973)

13.

Ich bin kein toleranter Mensch, auch nicht der Konsumtion gegenüber. In Münchens Schwabing fühle ich mich nicht nur fremd, mir wird regelrecht übel vor diesem Parasitentum, dieser Versammlung von Modehuren und Filmzuhältern, Vernissageteppen und Kneipenhockern. Nur noch Banken und Warenhäuser, dazwischen Boutiquen und Antiquitätenladen, weil aufgrund eines im Produktions- und Verteilersystem repressiv verdrehten Schmuck- und Modeverlangens jeder zum drittklassigen Unternehmer avancieren will.

Westberlin ist wegen seiner politischen Besonderheit eine einmalige Stadt, zugegeben. Doch wenn ich sie im Laufe der Jahre wirklich mögen gelernt habe, dann auch und gerade ob seiner vergleichsweisen Ärmlichkeit.

14.

Was würden Genossen zu linken Ärzten sagen, die keinen Blinddarm lokaliseren könnten, zu sozialistischen Rechtsanwälten, denen Paragrafen unbekannt wären: nur sozialistische Künstler, voran die Filmemacher, dürfen sich alles erlauben dürfen.

Mao Tse-tungs Forderung, als Intellektueller dem Volke dienen, schliesst allerdings auch ein (was geflissentlich übersehen wird), professioneller Intellektueller zu sein. Deshalb streite ich so unversöhnlich für sozialistisches Bewusstsein & Fachwissele in einem praxisbezogenen Zusammengehören. Und weil es derzeit (trotz mancher Einsicht in letzter Zeit) mit dem sozialistischen Bewusstsein (oft zum guten Willen verwechselt) besser bestellt ist als mit dem Fachwissen, überbetone ich Sachkenntnisse. Ein linker... (Berufsbezeichnung eingesetzt) muss von seinem Job mehr als die Konkurrenz verstehen, qualifizierter arbeiten können - er darf fachliche Schwächen niemals durch verbale Radikalismen oder sonstige Phrasen kompensieren.

Wenn die sozialistisch sich verstehenden Filmemacher im Lotto eine Fernsehanstalt gewinnen würden, könnten sie (praxisfern und überkandidelt daherdenkend) nicht für einen Abend Programm machen. Das muss einmal gesagt werden. Auch dass es um die Wirkung unserer Filme besser bestellt gewesen wäre, hätte ihnen mehr formale und handwerkliche Aufmerksamkeit gegolten, mehr Sensibilität; noch dazu in Zeiten allgemeiner Verhunzung und staatlich geförderten Dilettantismus. Ich selbst gehörte in den Anfängen meines Filmakademiestudiums zu den Mitstreitern jener Ideologie, die formale Probleme als solche geringschätzten und dafür der “Aussage” naives Primat zuerkannten. Ausdrücklich möchte ich in modifizierter Meinung hervorheben, wie sehr ich die (übrigens gänzlich unmarxistische) Verneinung formal-ästhetischer und handwerklicher Fragen als schweren Fehler von uns (sozialistischen Filmemachern) betrachte – ich aus diesem Mangel an Erkenntnis, obige Problematik in den Griff zu bekommen, so eifernd für das notwendige “mehr” an handwerklich-formalem Können plädiere. Meine Reserve gegenüber herumflanierenden, von Sozialismus redenden, in ihrem Fach jedoch wenig qualifizierten Germanisten, Soziologen, Politologen, Lehrern... oder Filmemachern muss aus der Besorgnis verstanden werden, inwieweit ein so wichtiger Bereich, nämlich der fachlicher Qualifikation, über missverstandene Leistungs(druck)thesen sehr zu unserem Schaden sich ausgeweitet hat. Nunmehr Fehlentwicklungen gestoppt und korrigiert werden sollten, ungeachtet des Standardvorwurfes unserer Dilittosi “revisionistisch” zu handeln.

15.

Aus dem Intimleben eines Filmemigrationsforschers. Am Telefon bestätigt mir eine Dame, ihr verstorbener Mann sei ausgewandert, der Produzent Soundso. Im Büro der neuen Geschäftsführerin stellt sich heraus, nicht ’33 aus Nazideutschland, sondern ’49 aus einem sozialistischen Land Osteuropas. Wo der Unterschied, meint die Witwe. Nach Gefängnis, Enteignung und Zahlung einer horrenden Ausreisegebühr wurde die Familie abgeschoben, gefilzt an der Grenze, die Dame splitterfasernackt ausgezogen und “überall, aber auch wirklich überall (ich nicke verstehend) untersucht”. Daraus die Tausenddollarkwestschn für marxistische Ethik formuliert: darf der Kommunismus in “bürgerlichen Votzen” nach versteckten Brillantringen suchen?

16.

Von Orgasmusschwierigkeiten über Konzentrationsstörungen bis zum Haarausfall, für die jüngere Bourgeoisie hat der Marxismus als Heilungsaspekt grossen Anklang gefunden / weniger oder kaum in seinen Zielvorstellungen. Das mag sich brutal anhören. Tatsächlich ist die sozialistische Bewegung in den meisten Entwicklungsphasen sehr wohl in der Lage, ihren Mitstreitern und selbst Sympathisanten jene Störungen zu mildern oder aufzuheben, die diese aus ihrer bürgerlichen Herkunft mitgebracht haben. In letzter Zeit ist dieses Vermögen jedoch in eschatologische Heilstendenzen missverstanden worden. Im Marxismus eine Art Intellektuellendoktor für alle irgendwie aufgetretenen Wehwehchen sehen. So gilt mein Widerstand jener fortschreitenden Tendenz zur Psychologisierung und Pädagogisierung von gesellschaftspolitischen Problemen. Vor allem immer mehr Mädchen drängen in die Bereiche Pädagogik und Psychologie, ohne dass ihnen bewusst zu sein scheint, welch negative Frauenrolle sie damit neuerlich zu übernehmen bereit sind.

Vollends möchte ich gegen den nachweislichen Trend protestieren, dass aber auch jeder, der mit seinem Studium nicht zu Rande kommt oder sonstwie nicht weiss, was er eigentlich werden soll / sowie das ganze auf der Strecke gebliebene mittelmässige Studenten- und Intellektuellenpublikum nunmehr Pauker werden will, nur weil ein nächstliegender Beruf daraus gemacht worden ist. Es gibt sogar Vorschläge, die stellungslosen Schauspieler (ein eitler, unsolidarischer und dummer Berufsstand) durch Pädagogische Anstalten zu schleusen und als Lehrer auszuspucken. Diese Tendenz und die mit ihr verbundenen Illusionen werden sich in Zukunft als Bumerang vorstellen: an den Kindern, um deren Wohl man so besorgt zu sein vorgibt.

17.

Beim Frühstück vor dem Schulmarsch las ich täglich schon als Kind das grazer Sozialistenblatt, das meine Eltern abonniert hatten (und noch haben). Die Schlagzeile “Dien Bien Phu gefallen” war der erste politische Schock für mich, hielt ich doch mit den tapferen eingekesselten Europäern, wie ich sie aus vielen “Schundhefteln” kannte. Am 20. Jahrestag des Sieges werde ich daran erinnert; schon seit langem gilt meine Wertschätzung und tiefe Empfundenheit dem tapferen und ausgebluteten Volk der Vietnamesen; älterwerdend.

(4) from Filmkritik vol. 8, no. 212 (August 1974)

18.

a) Die “fortschrittlichen” Schriftsteller sind ein merkwürdiges Volk. Einerseits wollen sie mitmischen, aus ihrem bürgerlichen Dasein und “Elfenbeinturm” aussteigend die “Gesellschaft verändern”, andererseits verharren sie in tradierter Empfindlichkeit gerade dann, wenn Resonanz stattgefunden hat, zu larmoyanter Pose erstarrt. Attakkiert irgendein CSUdepp einen linken Schriftsteller beim Biertisch, so schlägt der nicht zurück, sondern beginnt wehleidig über das “mangelnde Demokratieverständnis” zu klagen, sieht die Pressefreiheit in Gefahr und so weiter und so fort. Die Künstler, die da unsere “Gesellschaft verändern wollen", sollten endlich aufhören, moralisch & wie die Hühner aufgeregt mit ständigem Protestbriefeunterschreiben auf die doch normale Reaktion der Reaktion zu reagieren. Selbstverständlich muss der Klassenfeind gegen unsere “Schreibtischtäter” sich verteidigen. Und wenn Schriftsteller in Bolivien und Griechenland hinter Gittern sitzen, dann soll man im Bemühen, sie via PEN etc. freizukriegen, nicht jene viel hundert mehr Arbeiter und Bauern vergessen, die da festgehalten und gemartert werden und vielleicht gar nicht schreiben können. Auch der Bourgeoisie war es schmerzlicher, dass “ihr” Thomas Mann seinen Ehrendoktortitel aberkannt bekommen hat und “ihre grossen jüdischen Ärzte” emigrieren mussten – als dass Klein-Cohn aus Czernowitz vergast worden ist, gar nicht zu reden vom Los der Zigeuner, Schwulen, Kommunisten, Verbrecher. Etwas mehr Härte & Nehmerqualitäten und weniger Wehleidigkeit würde unseren, ach so kritischen und gesellschaftsverändernden Künstlern not tun.

b) Wenn dieser Solženicyn kein mieser Antikommunist ist, fresse ich einen Besen.

c) Für mich, der ich mehr mit den Unterprivilegierten und Unterdrückten empfinde, als es mein Zynismus glauben lässt, liegt der unfassliche Skandal in der Tatsache: dass ein sich sozialistisch nennender Staat wie die Sowjetunion es bis heute nicht hingekriegt hat, seine Geschichte auch nur auf einem bürgerlich-positivistischen Niveau niederzuschreiben und zu veröffentlichen, gar nicht zu reden von einer materialistischen Einsicht. Was ist das für ein Land, wo jährlich rund 45 000 Bücher gedruckt werden und seit Jahrzehnten ein Trockij unerwähnt bleibt? Was ist das für eine Partei, die Geschichte und Fehlschläge ihrer Politik dem Volk seit Jahrzehnten verheimlicht - so dass eine von antikommunistischem Hass getriebene religiöse Schickeria in reaktionärsten Tendenzschriften Elemente der Wahrheiten formulieren darf? Als ob es dem Sozialismus je schaden könnte, Fehler aufzudecken - was sonst hätte unser “aus der Geschichte lernen” zu bedeuten.

19.

Diskussion in Wien ’74 während der Musikaufnahmen für Schoenbergs Moses und Aaron von Jean-Marie St. und Daniele H. Der Dirigent Michael G. spottet über mangelnde Disziplin wie Intelligenz des Rundfunkorchesters. Jean-Marie St. verteidigt dieses gegen seinen Dirigenten, rückt es in die Nähe einer nichtprivilegierten Minderheit und meint die Produktionsbedingungen seien entsprechend. Michael G. korrigiert, des Orchesters Arbeitsbedingungen seien vergleichsweise gut. Ich werfe ein, vom konkreten Anlass Musik nichts zu verstehen, mich jedoch gegenüber Fernsehcrews oft zu fragen, wo höre die Entschuldigung über unannehmbare oder inhumane Produktionsbedingen auf und ab wann dürfe man Limitierungen gegen Desinteresse, Schlamperei und Ignoranz vorbringen. Meines Erachtens müsse man andere Betriebe/Arbeitsbedingungen kennen, um die relative Privilegiertheit der meisten TVfritzen feststellen zu können. Michael G. gibt mit recht, Jean-Marie St. zögert. Ich frage den Dirigenten, was konkret anders wäre, leitete er für St.-H.s Film das Cleveland Orchestra. Antwort. Sehr viel, es wäre in den USA unmöglich, dass einzelne Streicher Krimis lesen, während er gerade mit den Bläsern probt.

20.

a) Als ob es nichts Schlimmeres gäbe auf der Welt denn ein Gemälde mit untergehendem Mond. Ich stehe nicht an, die Kunst oder gar ihre Macher zu verteidigen, nur finde ich die Art und Weise sowie Methode “linker” Antikunstmotzerei für kleinbürgerlich (und zeitvergeudend dazu). Das “Kunst ist Scheisse” kommt nicht zufällig von gescheiterten, hysterischen ex-Künstlern, die ihre Biografie mit dem auf “etwas Wissenschaft machen” reinigen wollen (Publizisten, Politologen, Soziologen, Germanisten, Pädagogen - sind sie nicht eher “moderne Künstler” als jene, die man aussterbend noch in den klassischen Künsten bespotten mag?). Es bedarf keiner Diskussion, dass der Kapitalismus auch im Kunstprodukt sich manifestiert, stellenweise propagandistisch. Dessenungeachtet hege ich den Verdacht (und könnte dafür Beweise einbringen), dass Kunst und Kultur hierzulande – “von unsereins” - masslos überschätzt werden / auch im Anspruch und Hoffen auf das, was “sozialistische” Kunst genannt sein will. Zu den Gründen für diese Umgewichtung des gesellschaftlichen Stellenwertes von Kunst gehört natürlich auch, sowohl beim Künstler als auch beim Kritiker, die Sehnsucht nach eigenem Nochwichtigsein, die Sorge um Identifizierung. In den von uns bislang erkannten gesellschaftsbestimmenden Faktoren und insbesondere zu Angesicht wirtschaftlicher Probleme scheint Kunst einen epiphänomenen Bereich vorzustellen, der mir weder Glaube, Trost, Weltflucht verdient noch Verachtung oder abgrundtiefen Hass. Dies gilt - in den Wertigkeiten eines Klassenkampfes - gerade für die bürgerliche (ohnehin nur ein historischer Teilbereich) Kunst. Damit will ich nicht den alle Bereiche zu umfassenhabenden Kampf leugnen, ich will nur behaupten, dass der kunstkritische Aufwand der letzten Jahre sich vom sozialistischen Standpunkt aus nicht lohnt (wo man von einem verschärften Klassenkampf in der BRD nun wirklich nicht sprechen kann, ausser bei der KPD). Bei Linken, die ein Recital von Rubinstein, ein abstraktes Gemälde, eine Oper oder John Ford für das Reaktionärste und Verabscheuungswürdigste halten, frage ich mich, wie die sich dann wirklichen Schweinereien gegenüber verhalten wollen.

b) Die Diskrepanz zwischen subjektivem Gefallen und objektiver Erkenntnis würde mich überall mehr als beim Movie beunruhigen. Nie konnte ich die Konstruktionen und Purzelbäumer einzelner, meist “bewusster” Kinofans verstehen, angestrengt Ihren persönlichen Geschmackseindruck durch ein quasiobjektiviertes Urteil zu transzendieren. Ich hingegen geniere mich nicht im Ausnützen gerade dieses subjektivierten Freiraums - es hat doch jeder (auch im Kino) seine Heuler: Jules und Jim geht mir immer wieder zu Herzen (schon wegen Deleruemusik und O. Werner, obwohl dieser synchronisiert), auch wenn das arger Schmarrn ist (wie der ganze Truffaut); bei der Marseillaise in Casablanca meldet sich pathetischer Schluckauf; der Brandowestern Der Besessene oder Sequenzen von Ein Mann wird gejagt erregen mich erstaunlich. Es wäre mir nur nie eingefallen, daraus eine Theorie des Meisterwerks, Autorenfilms etc. zu trivialphilosophieren. Umgekehrt habe ich mich nie an Dreyer oder den “Russenfilmen” erwärmen können, war ausserstande, mich an Kurosawa zu delektieren. Betont möchte ich den subjektiven Urteilsraum erweitern lassen, weil ich die Filmkommunikation via Klassifizierung (Gutfinden) von Einzelwerken grundsätzlich für falsch halte (ausführlicher in meinem Handbuch wider das Kino). Fazit: es braucht niemand rot werden, wenn ihm ein Scheissfilm gefällt.

(5) “Soziale Verantwortnung oder Die Katzen meiner Freunde, mir anvertraut.” Danièle H's Anweisting für Misti in Herbst '73.

21.

Die mir unbegreiflichste Kindheits- und Jugendlektüre war jene Stelle bei Sartre, wo der Held mit den Schamhaaren einer Frau herumspielt und dabei einschläft...

Zunächst las ich Groschenhefte unter der Decke mit der Taschenlampe, später Abenteuerromane und bald B. Traven. Im Gymnasium verweigerte ich die Klassiker, las protesterisch obskure Autoren: entdeckte dabei W. C. Williams, Chlebnikov, Saba Ghelderode für Graz und Henry Miller für mich. Seit meiner Entscheidung für Film lese ich fast ausschließlich Sachliteratur (Sozialismus, neuere Geschichte, Militaria, Film) sowie Verbrechensgeschichte und Krimis als dramaturgisches Training nebst Vergnügen. Auch holte ich ein paar Klassiker interessehalber nach- und war bei J. W. Goethes Wahlverwandtschaften und Adalbert Stifter vor Begeisterung hingerissen. Sollte ich heutzutage überhaupt Zeit und Lust haben für die sogenannt “schöne Literatur”, so lese ich stets dieselben. Nestroy, Stifter, Sealsfield, Pavese, Walser (Robert natürlich), dazu ist noch Thomas Bernhard gekommen (viele Österreicher, wie ersehbar).

22.

Fährt ein Genosse aus Schöneberg zu einer Besprechung in die Kantstrasse über Spandau, mag darin weniger die Vorsichtsmassnahme liegen, einen Geheimbullen abzuschütteln, vielmehr die Hoffnung, es gäbe diesen: Zeichen des verschärften Klassenkampfes im Rückspiegel sichtbar und nicht nur zu Papier gebracht.

23.

Es ist entlarvend, dass mit dem Verfall der Filmbranche eine Schwemme von Sekundärliteratur über ein paar Jahrzehnte Kinoentwicklung eingesetzt hat. Die Hausse begann in Frankreich, erreichte ihren Höhepunkt in England, folgend in den USA. Gegenwärtig deuten Anzeiden darauf, dass sich die negative Marktlage für Filmliteratur hierzulande gebessert haben muss, denn in letzten Jahren sind mehr Filmbücher denn je erschienen; dieser Miniboom dürfte einige Zeit anhalten. Im internationalen Massstab also verspätet einsetzend, müsste der (wenn auch wenig zufriedenstellende) Stand von Filmforschung und Moviebetrachtung den hiesigen Autoren und mehr noch den Verlagen jenes Niveau bedeuten, auf dem anzusetzen wäre. Sei es durch Übersetzung der massgeblichsten Arbeiten, durch Kompilationen, durch eigene sorgfältige Untersuchungen einer materialistischen Medientheorie. Doch schon jetzt deutet alles daraufhin, dass man die in Italien, Frankreich, Grossbritannien, USA und in den sozialistischen Staaten vorliegenden Ergebnisse gar nicht kennenlernen, überprüfen und teilweise übernehmen bzw. weiterverfolgen will, weil dies nur Ausgaben bedeutete, man tut dafür so, als gäbe es dieses filmliterarische Ausland gar nicht, weswegen man hierzulande weiterwursteln dürfte. Ich möchte gar nicht erst auf das eingehen, was die Frechheit besitzt, als Wissenschaft zu firmieren, siehe die als Buch veröffentlichte Diss. von Marion K. Film – Spiegel der Gesellschaft? Versuch einer Antwort. Inhaltsanalyse des jungen deutschen Films von 1962 bis 1969 (Heidelberg 1973) für DM 22.-. Über die Preise müsste auch einmal gesprochen werden. Beispielsweise interessiert mich die in einem Hanser prospekt angekündigte These von Hans Scheugl, die Kinomythen hätten sich verändert, weil sich ihre Vorbilder verändert haben, schon ausserordentlich (weil ich die gegenteilige Ansicht vertrete), doch soll ich seine Arbeit Sexualität und Neurose im Film. Die Kinomythen von Griffith bis Warhol für DM 48.- kaufen? Ging das wirklich nicht billiger? Im selben Verlag kostet die deutsche, in den Fotos noch gekürzte Ausgabe des Truffautschen Hitchcockbuches DM 34.-/ eine leicht erhaltliche englische Paperbackausgabe dagegen nur DM 18.50: Jerry Lewis’ The Total Film-Maker kostet $ 6.95 (wobei es vermutlich schon eine wesentlich billigere Taschenbuchausgabe gibt) / in der deutschen Übersetzung bei Hanser hingegen DM 24.-. Sollte man nicht dagegen sein ungenügendes Englisch aufbessern und die billigeren Originale lesen? Die bis zur Blödheit gesteigerte Monografienmode von Filmemachern hat endlich mit der jahrelangen Verspätung auch die BRD erreicht. In der “Reihe Film” des Hanser Verlages sollen ab Herbst die ersten Bände erscheinen (über Truffaut und Rainer Werner F.), in Vorbereitung Bücher über Lucchino (sic!) Visconti, Keaton, Welles, Lang. Über jeden dieser weltberühmten Regisseure gibt es bislang mehr als 10 Monografien und hundert Kritiken und Artikeln. Für lumpiges Autorenhonorar und schon besseres Herausgebersalaire muss so getan werden, als fiele einem gar noch viel Neues ein. Nicht einmal, dass man Filmemacher vorstellt, über die es noch keine Untersuchungen gibt: das würde wieder zuviel Arbeit machen (wo es nichts zum abschreiben gibt, man gar die Filme sehen müsste): stattdessen Kompilation und zum zigstenmale dieselbe Filmografie desselben Regisseurs.

Dass es in der BRD keine Filmwissenschaft (oder wie immer man das nennen will) gibt, ist äusserst negativ. Dass im Ausland die Situation wesentlich besser ist, wenn auch nicht befriedigend, bleibt offenkundig. Es wäre also erste Aufgabe eines Verlages gewesen, der sich um Filmliteratur bemühen will, sowohl im allg. Level nachzuziehen als auch bestehende Lücken durch Aufträge zu füllen. Stattdessen wird planlos herausgegeben mit der Verlagsethik, hiesigen Filmfreunden wird auch Fallobst schmecken müssen.

PS in eigener Sache: als ich dem Hanser Verlag für 1976 meine Geschichte der deutschsprachigen Filmemigration anbot, reagierte der Verlag mit DM 1.000 (eintausend) Vorschuss und DM 500 (fünfhundert) bei Manuskriptabgabe! Man muss sich folgende Kunst vorstellen: für diesen lächerlichen Honorarbetrag einen so schnell hingeschriebenen Schmarrn abliefern, dass als Autor man noch 1 Monatsmiete herausschinden kann.

24.

16 jährig wurde ich nicht nur als “Dichter” von einem steirischen Heimatschnulzer namens Dr. Walter Z. und von Hans W. aus Wien “entdeckt”, sondern auch als Leichtathletiktalent. Blass und unscheinbar, ohne Spikes, lief ich die 1000 m passabel unter 3 min. Ich machte über den Winter Hallentraining, es schien mir fast zu gefallen, doch ich musste mich aus schulischen Erwägungen entweder für den Sport oder für die Kultur entscheiden. Und blöderweise wählte ich die Kultur, womit die ganze Scheisse anfing.

Dieser Text wurde ursprünglich als "Straschek 1963-74 Westberlin" in Filmkritik Bd. 8, Nr. 212 (August 1974) erschienen und wird in den kommenden Monaten in 4 Teilen auf Sabzian publiziert werden.

Die belgische Cinematek und das Goethe-Institut Brüssel werden Günter Peter Straschek im Juni 2022 eine Retrospektive sowie eine Ausstellung widmen. 

 

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung des Goethe-Instituts Brüssel realisiert.

Mit Dank an Karin Rausch, Julian Volz und Julia Friedrich und das Museum Ludwig Köln für die Bereitstellung der englischen Übersetzung.

 

Bilder (1) und (4) aus Filmkritik vol. 8, no. 212 (August 1974)

Bild (2) Günter Peter Straschek auf dem Cover der Filmkritik Bd. 8, Nr. 212 (August 1974)

Bild (3) Günter Peter Straschek reads aloud a letter from Arnold Schoenberg addressed to Wassily Kandinsky in Einleitung zu Arnold Schoenbergs Begleitmusik zu einer Lichtspielscene (Jean-Marie Straub, 1973) 

Bild (5) “Soziale Verantwortnung oder Die Katzen meiner Freunde, mir anvertraut.” Danièle H's Anweisting für Misti in Herbst '73.